Du willst morgens nur schnell die Eier holen, aber statt eines freundlichen Gackerns empfängt dich deine Lieblingshenne mit aufgeplustertem Gefieder und faucht dich an wie ein kleiner, wütender Drache. Sie sitzt wie festgeklebt im Nest und verteidigt ihren Platz vehement gegen deine Hand. In diesem Moment schießt dir wahrscheinlich sofort die Sorge durch den Kopf, ob das Tier ernsthaft krank ist oder Schmerzen hat. Doch bevor du den Tierarzt rufst, kannst du tief durchatmen: Höchstwahrscheinlich haben einfach die Hormone die Kontrolle übernommen und deine Henne ist im Glucken-Modus. Das sieht zwar dramatisch aus, ist aber ein völlig natürlicher Instinkt, den du mit wenigen Handgriffen sicher erkennen und steuern kannst.
Der Glucken-Check: Krank oder nur im Hormonrausch?
Bevor du irgendwelche Maßnahmen ergreifst, musst du sicherstellen, dass deine Henne tatsächlich brütig ist und nicht unter einer Krankheit leidet. Das Verhalten wirkt auf den ersten Blick oft besorgniserregend, lässt sich aber durch eine genaue Beobachtung der Körpersprache zweifelsfrei zuordnen. Eine kranke Henne wirkt meist apathisch, lässt die Flügel hängen, hat einen blassen Kamm und zieht sich kraftlos zurück. Eine Glucke hingegen steht unter Hochspannung. Sie ist hellwach, ihre Augen sind klar und sie reagiert blitzschnell auf jede Störung.
Das sicherste Erkennungszeichen ist die sogenannte Pfannkuchen-Haltung. Wenn die Henne im Nest sitzt, macht sie sich extrem flach und breit, um eine möglichst große Fläche abzudecken. Sie plustert sich auf wie ein explodiertes Sofakissen, um potenzielle Eier optimal zu wärmen. Wenn du dich ihr näherst, hörst du typische Gluck-Geräusche, die an ein schnelles, tiefes Tuckern erinnern, oft begleitet von einem warnenden Fauchen oder sogar aggressivem Picken nach deiner Hand. Sie verteidigt ihr Nest aktiv, was ein krankes Tier kaum tun würde.
Ein weiterer entscheidender Hinweis offenbart sich, wenn du das Tier vorsichtig anhebst und den Bauch abtastest. Bei einer brütigen Henne findest du dort den sogenannten Brutfleck. Das ist eine nackte, federlose Stelle am Bauch, die sich extrem heiß anfühlt. Die Henne rupft sich dort selbst die Federn aus, damit die Körperwärme direkt auf die Eier übertragen werden kann. Das ist also kein krankhafter Federverlust, sondern eine funktionale Anpassung. Auch der Kot verändert sich drastisch: Da die Glucke das Nest nicht beschmutzen will, hält sie den Kot extrem lange ein und setzt nur ein- bis zweimal am Tag einen riesigen, extrem übel riechenden Haufen ab. Dieser "Gluckenschiss" ist völlig normal und kein Zeichen für Durchfall.
Mission Entglucken: Anleitung für die sanfte Entwöhnung
Wenn du dich gegen Küken entscheidest, ist aktives Handeln gefragt, denn eine Henne hört selten von alleine auf zu glucken. Das sogenannte Entglucken ist dabei keine Strafe, sondern eine notwendige Tierschutzmaßnahme. Während der Brutphase fährt der Stoffwechsel der Henne herunter, sie frisst und trinkt kaum noch und verliert massiv an Gewicht. Würdest du sie einfach auf dem leeren Nest sitzen lassen, würde sie sich im schlimmsten Fall zu Tode hungern. Dein Ziel ist es daher, den hormonellen Kreislauf durch eine Änderung der Umgebung und Temperatur sanft zu unterbrechen.
Die effektivste und schonendste Methode ist der Aufenthalt in einem Kleintierkäfig mit Gitterboden, oft auch als "Abkühl-Suite" bezeichnet. Der Gitterboden ist entscheidend, damit kühle Luft an den nackten Bauch der Henne gelangt. Genau diese Abkühlung signalisiert dem Körper, dass die Brutbedingungen schlecht sind, und senkt den Hormonspiegel. Richte den Käfig spartanisch ein: Futter und Wasser sind Pflicht, aber Einstreu oder ein gemütliches Nest sind streng verboten, da sie den Bruttrieb nur wieder anfeuern würden. Setze die Henne konsequent für etwa drei Tage und Nächte in diesen Käfig.
Der Standort des Käfigs spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Stelle ihn an einen hellen, belebten Ort, idealerweise mitten in den Hühnerstall oder in den Auslauf zu den anderen Hühnern. Die Unruhe und das Fehlen eines Rückzugsortes helfen dabei, die Henne aus ihrer Trance zu holen. Alte Hausmittel wie das Tauchen in kaltes Wasser oder das Einsperren in dunkle Säcke sind absolute No-Gos. Diese Methoden sind grausam, verursachen unnötigen Stress und können das Vertrauen deines Tieres dauerhaft zerstören. Nach drei Tagen lässt du die Henne testweise frei. Rennt sie sofort wieder gackernd zum Nest, muss sie für eine weitere Runde in den Käfig. Bleibt sie bei der Herde und beginnt zu scharren, war die Mission erfolgreich.
Alternative Naturbrut: Was die Glucke für Küken braucht
Solltest du dich bewusst für Nachwuchs entscheiden, ändern sich die Prioritäten komplett: Jetzt braucht die werdende Mutter absolute Ruhe und Sicherheit. Im normalen Hühnerstall ist eine erfolgreiche Brut kaum möglich, da andere Hennen die Glucke stören oder ihre eigenen Eier einfach dazulegen würden. Das führt zu einem Chaos beim Schlupf, da die Küken zu unterschiedlichen Zeiten schlüpfen würden. Richte der Glucke daher einen separaten Bereich oder einen kleinen extra Stall ein, wo sie ungestört bleiben kann und vor den anderen Hennen geschützt ist.
Bevor die Brut beginnt, ist eine gründliche Parasitenkontrolle unverzichtbar. Da die Glucke 21 Tage lang fast unbeweglich im warmen Nest sitzt, ist sie ein magnetischer Anziehungspunkt für Milben. Diese Parasiten können das Tier so stark schwächen, dass es die Brut abbricht oder sogar stirbt. Pudere das Nest und die Henne präventiv mit Kieselgur ein, um einen Befall zu verhindern. Achte auch darauf, dass Futter und Wasser in unmittelbarer Schnabelreichweite stehen. Viele Glucken sind so pflichtbewusst, dass sie nicht einmal aufstehen würden, um zu fressen, wenn der Napf einen Meter entfernt steht.
Für den Start der Brut legst du alle Bruteier gleichzeitig unter. Eine ungerade Zahl, meist zwischen 7 und 11 Eiern je nach Größe der Henne, hat sich bewährt, da diese besser im runden Nest verteilt werden können. Markiere diese Eier unbedingt mit einem Bleistift. So kannst du bei der täglichen Kontrolle sofort erkennen, ob eine andere Henne doch noch ein Ei dazugeschummelt hat, und dieses entfernen. Zu deiner täglichen Routine gehört es nun auch, die Glucke einmal am Tag vorsichtig vom Nest zu heben. Sie muss sich die Beine vertreten, fressen, trinken und ihren großen Kot absetzen, damit das Nest sauber bleibt und sie gesund durch die drei Wochen kommt.
Fazit: Küken oder Kur – Du hast die Wahl
Eine gluckende Henne ist kein Grund zur Panik, sondern ein Zeichen für gesunde, intakte Instinkte. Wichtig ist nur, dass du eine klare Entscheidung triffst und diese konsequent umsetzt, denn das bloße Aussitzen auf einem leeren Nest gefährdet die Gesundheit deines Tieres massiv. Egal ob du dich auf flauschige Küken freust oder der Henne mit dem Entgluckungskäfig hilfst – du übernimmst damit die Verantwortung für ihr Wohlergehen und sorgst dafür, dass sie diese anstrengende Phase sicher übersteht.